„Sind wir noch zu retten?!“ – Quo vadis Kinder- und Jugendhilfe?

Wir bedanken uns bei allen Besuchern des ersten Kinder- und Jugendhilfekongress des DBSH am 13. und 14.05.2011 an der Hochschule Magdeburg-Stendal

  Das Schweigen hat ein Ende

Klares Votum für eine an Qualität und Nachhaltigkeit orientierte Jugendhilfe als Ergebnis des DBSH Kongress:

Sind wir noch zu retten?! – Quo vadis, Kinder- und Jugendhilfe?
am 13. und 14. Mai 2011 an der Hochschule Stendal

Aus ganz Deutschland kamen am vergangenen Wochenende engagierte Menschen an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Standort Stendal zusammen, um die Situation der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland zu analysieren. Berufspraktizierende und Führungskräfte von öffentlichen, wie freien Trägern der Jugendhilfe, Fachleute aus Forschung und Lehre, sowie aus der Politik. Sie diskutierten dabei intensiv über die sich seit Jahren zuspitzende Krise der Kinder- und Jugendhilfe, die sich offensichtlich nicht alleine mit der chronisch finanziellen Schieflage der Kommunen erklären lässt.

 

Plenum
Besonderes Interesse fand bei den Teilnehmern die
Plenumsdisskussion mit Prof. Dr. Reinhard Wiesner (BMFSFJ),
Herrn Jörg Freese (dt. Landkreistag),
Herr Prof. Michael Klundt (HS Magdeburg-Stendal),
Frau Prof. Mechthild Seithe (FH Jena, Fb Sozialwesen),
Frau Dr. Sabine Skutta (DRK Generalsekretariat -
Sprecherin der National Coalition),

So beschrieb der Kinderpolitologe Prof. Michael Klundt die Verschiebung der politischen und gesellschaftlichen Koordinaten von einem am Gemeinwohl orientierten sozialmarktwirtschaftlichen Staat hin zu einem von neoliberalen Kräften bestimmten Staat, der alle gesellschaftlichen Systeme durchdrungen hat. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in vielen Familien wider, die sich in diesem schleichenden Prozess erheblichen Problemen wie Arbeitslosigkeit, vagen Arbeitsverhältnissen und zunehmender Kinderarmut ausgesetzt sehen.

Prof. Michael KlundtDurch die interessanten Sichtweisen auf die derzeitge
Wandlung der Sozialen Arbeit im Sozialstaat verstand
es Prof. Dr. Klundt viele Teilnehmer zu interessieren

Dieser Zunahme an Familien, die in dem sog. „freien Spiel der Kräfte“ quasi abgehängt werden und daraus immer komplexere Problemlagen entwickeln, steht ein Kinder- und Jugendhilfesystem gegenüber, das selbst durch den finanziellen Kahlschlag der Kommunen  am Existenzabgrund steht und sich über das Mittel der Privatisierung oder aber über das Instrument der Personalkosteneinsparungen aus der Krise zu retten sucht.

Darüber hinaus hat sich auch in der Kinder- und Jugendhilfe, wie in weiten Teilen der Gesellschaft, ein neues Denken entwickelt, wie Frau Prof. Seithe von der FH Jena aus ihren Studien der Berufspraxis berichtete, in dem Eltern immer öfter unter einen Generalverdacht des Versagens ihrer elterlichen Verantwortung gestellt werden. Dies bewirkt ein zunehmend rigides Kontrolldenken in den Jugendämtern. Dieses systematische Misstrauen korrespondiert mit kostengünstigeren Interventionen und einer stetigen Zunahme an Bürokratie.

 

Matthias Heintz,
Prof. Dr. Mechthild Seithe, Prof. Dr. Michael Klundt
sowie der Kongresskoordinator Matthias Heintz.

Beides, das neosoziale Denken, wie die chronische und strukturelle Überlastung der Fachkräfte in der Jugendhilfe, untergraben die Verwirklichung der Kinderrechte entsprechend der UN-Kinderrechtskonventionen, die mit der Ratifizierung geltendes nationales Recht ist, sowie die Ethik des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG). Dieses setzt explizit auf Dialog und vertrauensvolles Miteinander zwischen Eltern und Fachkräften, wie es vor gerade einmal 20 Jahren von dessen Vordenker und Sozial- Architekten Prof. Dr. Reinhard Wiesner mit entwickelt wurde und lange Zeit zum Selbstverständnis unserer Arbeit gehörte. Diese ethische Ausrichtung einer teils mühevollen Beziehungsarbeit und einer an Nachhaltigkeit orientierten Kinder- und Jugendhilfe,  rief Prof. Dr. Reinhard Wiesner in seinem Vortrag in Erinnerung. „Hilfe zur Selbsthilfe“ lautet das Credo, an dem sich die sensible Intervention unserer Arbeit orientieren soll. Dr. Kay Biesel von der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin erweiterte diesen Ansatz um die Idee der „Hilfe zur Selbstkontrolle“ statt eines zu kurz greifenden und im Kern auf Misstrauen und Kontrolle beruhenden Verständnisses von Kinderschutz.

 

Mit allen Teilnehmenden des Kongresses verabschiedete der DBSH am Ende die „Stendaler Thesen“, die in Kürze der Fachöffentlichkeit vorgestellt werden und die auch auf dem Jugendhilfetag in Stuttgart eingebracht werden sollen. Zusammengefasst kann man den roten Faden dieser Thesen in folgenden  Forderungen zum Ausdruck bringen: Teilnehmer Kongress

Die Zeit des Schweigens und Duldens ist vorbei.

 

Matthias Heintz
(Sprecher der AG KJHG und Rechtansprüche beim Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe des DBSH, Tagungskoordinator, Ansprechpartner des DBSH für die Freien Träger, Vertreter des DBSH in der National Coalition)

 

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